Die Menschen - Eine Anleitung für Aliens
Wer den Besuch auf dem Planeten Erde plant, sollte vorbereitet sein. Die Menschen in einer Nussschale.
Willkommen, liebe Außerirdische!
Das „Kriegsministerium“ der USA hat die erste Tranche ihrer UFO-Akten herausgegeben. Auch wenn der endgültige Beweis außerirdischer Existenz noch aussteht, so nehme ich diese Veröffentlichung zum Anlass, möglichen Besuchern fremder Zivilisationen unseren Planeten und dessen Bewohner vorzustellen. Dieser Text soll als Handreichung dienen, um einen möglichen Kulturschock abzumildern, denn die Menschen sind ein Kohlenstoffbündel voll Widersprüche und wer auch immer hier unvorbereitet landet, findet sich schnell in einem chaotisch anmutenden System wieder, das zu durchschauen nicht einmal wir selbst in der Lage sind.
Also, liebe Außerirdische, anbei nun ein paar Erläuterungen zu unserer Spezies. Bitte lassen Sie sich nicht davon abschrecken, dass ein paar der Erläuterungen verrückt und zuweilen obskur wirken. Wir ordnen uns zwar selbst als Zivilisation ein, können das aber nur tun, weil uns bisher niemand widersprechen konnte. Das ist übrigens auch der Grund, warum die Erde der bisher einzige Planet ist, der die „Miss Universe“ Wahl immer wieder gewinnen konnte. Es ist schlicht niemand gegen uns angetreten. Diese Art der Hybris wird Ihnen im Folgenden noch öfters begegnen.
Gehen wir es an.
Evolution: Die Nummer Eins im Weltraum sind wir
Wir Menschen haben uns in einem gnadenlosen Wettlauf genannt „Evolution“ gegen zahlreiche andere Arten durchsetzen können. Die ersten relevanten Bewohner der Erde waren riesigen Echsen, genannt Dinosaurier. Diese waren aber recht ambitionslos bezüglich der geistigen Entwicklung und haben aus Ermangelung eines Raumfahrtprogramms sicherlich nicht einmal verstanden, was der riesige Asteroid anrichten wird, den sie dereinst am Himmel sahen. Das sich aus der „Dinokalypse“ entwickelnde Machtvakuum haben sich anschließend die Primaten zunutze gemacht und einen Machtkampf losgetreten. Die Pflanzen blieben die ganze Zeit cool und waren mit ihrem Platz in der Nahrungskette stets zufrieden, was uns die Aufgabe vereinfachte.
Am Ende haben sich die Menschen durchgesetzt und krönten sich selbst zum „Homo sapiens“ (etwa der weise Mensch). Warum? Weil uns wieder niemand widersprechen konnte. Unsere Konkurrenten haben wir entweder im Kampf besiegt, aufgegessen oder durch romantische Zweisamkeit in den eigenen Genpool mit aufgenommen. Unser Sieg ist so allumfassend, dass wir unsere ehemaligen Konkurrenten in Gebäudekomplexen genannt Zoo untergebracht haben, um dort auf sie herab zuschauen. Wobei es den begründeten Verdacht gibt, dass es genau andersherum ist, aber lassen wir das einmal beiseite.
Fakt ist, wir haben gewonnen, der Planet gehört uns. Wir haben dermaßen gewonnen, dass wir euch „Außerirdische“ nennen. Sie haben richtig gelesen. Der gesamte Rest des endlosen Universums ist für uns „nicht Erde“. So viel Ego muss man sich erst einmal erarbeiten.
Fun Fact am Rande: Ein paar meiner Zeitgenossen haben die Theorie, dass ihr, liebe Außerirdische, in unsere Evolution eingegriffen habt. Sollte das wahr sein, warum habt ihr euch bei unseren Hintern so viel Mühe gegeben, unsere Zähne aber so gestaltet, als hätte sie sich ein 5-Jähriger mit Aufmerksamkeitsproblemen ausgedacht?
Ernährung: Einmal alles mit Ketchup
Wie bereits im Abschnitt Evolution kurz angeschnitten, haben wir einen Teil unserer Konkurrenz im Rennen um die Krone der Evolution verspeist. Der Mensch ernährt sich omnivor, bedeutet, wir essen alles, was sich irgendwie essen lässt.
Beim Besuch auf der Erde wird Ihnen folglich eine erschreckend breite Palette an Nahrungsmöglichkeiten unterkommen. Da hätten wir zum Beispiel Hirsebrei, leckere Spaghetti mit Tomatensauce, Bambussprossensalat, gegrillten Fisch, gegrilltes Hähnchen, gegrilltes (hier einfach jedes Tier einfügen). Da wäre da noch alles, was man in siedendes Pflanzenöl tauchen kann und sollten Sie in der völlig falschen Ecke des Planeten landen, sind Sie das Essen.
Der Mensch ist sehr motiviert, wenn es um die Ernährung geht. Wir machen es gerne so scharf, dass es uns die Verdauungsorgane richtig übel nehmen. Wir zünden es zuweilen an oder tun alles in einen Mixer und nennen es „Fusion Bowl“.
Wie haben wir eigentlich herausgefunden, was alles essbar ist und was nicht? Nun, hat einer von uns die Gesichtsfarbe gewechselt oder die Herztätigkeit eingestellt, war dies ein sicheres Zeichen dafür, dass die kulinarische Entdeckungsreise auf einem anderen Weg fortgesetzt werden sollte. Der Weg auf den Olymp des Genusses ist mit Leichen gepflastert. Einige davon haben Bissspuren.
Religion: Meine Fantasie Freunde sind stärker als deine
Als wir Menschen das „sapiens“ noch nicht vollends gelebt haben, sind wir eines Tages aus der Höhle gekrochen und mussten uns irgendwie erklären, warum Blitze aus dem Himmel auf uns niedergingen und warum eben dieser Himmel in der Nacht mit kleinen Lichtern geschmückt war. Es lag für so eine fantasievolle Spezies wie der unseren auf der Hand, das mindestens ein unsichtbares Wesen dafür verantwortlich sein musste.
Auf diesem Wege haben wir die Religion erfunden. Das war zunächst einfacher, als uns an so komplexen Themen wie „Wissenschaft“ abzuarbeiten, denn wir brauchten damals die Zeit für wichtigere Dinge, wie zum Beispiel herauszufinden, was wir so alles essen können. Die Anzahl dieser sogenannten Götter konnten wir praktischerweise beliebig skalieren und einige Rekordhalter wie die Hethiter brüsteten sich damit, mehr als 1000 eben dieser anzubeten. So konnten wir dann recht bequem die Lichter am Nachthimmel, die Blitze aus den dunklen Wolken, willkürliche Feuer oder die Menstruation erklären. Hatten wir bei der Jagd mal wieder Pech gehabt, hat sich schon irgendein zürnender Gott gefunden, dem wir unseren Nachwuchs geopfert haben, damit das Mammut beim nächsten Mal nicht ganz so flink unterwegs ist.
Im Zuge von Rationalisierungsmaßnahmen sind wir irgendwann zum Monotheismus gewechselt. Es ließen sich einige Kosten sparen, indem nur noch ein Tempel für einen Gott gebaut werden musste. Dennoch ließen wir uns treiben und haben munter weiter Splittergruppen gebildet. Bei ihrem Besuch kann es also passieren, dass sie auf Menschen stoßen, die ein uns denselben Gott anbeten, sich aber abgrundtief hassen, weil ihnen die Art und Weise nicht passt, wie sie es tun.
Krieg: Wir lieben und leben ihn
Bei ihrem ersten Besuch auf der Erde wird Ihnen sicher auffallen, mit wie viel Passion und Ehrgeiz wir uns gegenseitig die Köpfe einschlagen. Des Menschen konstantestes Hobby ist und bleibt der Krieg. Auf demselben Wege, auf dem wir alles essen und anbeten, können wir praktisch alles in eine Waffe verwandeln. Zur Not sind wir die Waffe selbst. Beachten Sie daher unseren Erfindungsreichtum, wenn es darum geht, uns gegenseitig zu dezimieren. Die beeindruckende Palette reicht von Wurf- und Schleuderwaffen, über alle möglichen Ausprägungen von Schusswaffen, bis hin zu spektakulären Atom- und Wasserstoffbomben. Das inoffizielle Motto der Erde lautet: „Kann man es töten, kann man es auch essen. Kann man es nicht essen, muss man es töten. Kann man es töten, wird es auch getötet“. Klingt morbide, aber entspricht unserem Anspruch, alles als Sport zu betreiben und Erster zu werden.
Gründe für diese Kriege gibt es viele. Es wurden Kriege wegen Nahrung geführt, wegen Orte, die wir haben wollten, wegen Frauen, die wir mochten, wegen Männer die wir nicht mochten und so weiter. Besonders beliebt waren stets unsere imaginären Freunde aus dem Abschnitt „Religion“. Diese haben uns immer wieder gegeneinander aufgehetzt. Da reichte es oft schon aus, dass der eine imaginäre Freund den anderen nicht mochte, um hunderttausende von uns in die Wüste zu schicken um mit großen Stacheln aus Metall – wir nennen sie Schwerter – aufeinander einzudreschen. Anschließend schrieben wir darüber Gedichte und Lieder, oder produzierten Filme darüber, wie traurig uns das alles gemacht hat.
Um aber bei der Wahrheit zu bleiben, immer öfter suchen wir nicht einmal mehr nach Gründen für einen Krieg. In unserer aktuellen Entwicklungsstufe tun wir es „aus Liebe zum Spiel“. Es kann also auch passieren, dass wir versehentlich Ihnen den Krieg erklären, oder aus purer Absicht, das weiß man leider vorher nicht. Nehmen Sie das dann bitte nicht persönlich, wir arbeiten an uns.
Stoßen Sie auf einen Krieg auf der Erde, was sie ganz sicher tun werden, gehen sie am besten außen herum.
Weiterverbreitung: Unser Sport Nummer Drei
In der Zeit, in der wir uns nicht gegenseitig töten und / oder essen, kommen wir Menschen relativ gut miteinander aus. Das erklärt sich allein schon aus der Tatsache, das wir eine Fortpflanzungsquote haben, die fast jeden Parasiten blass werden lässt. Sie haben richtig gelesen, neben essen und töten lieben wir es uns zu lieben. Auch in dieser Angelegenheit sind wir mit einem bemerkenswerten Sportsgeist gesegnet – was zahlreiche Gedichte, Lieder, Bilder, Filme, Spiele, Kuchen in Form von Geschlechtsteilen und viele, wirklich viele weitere obszöne Dinge belegen.
Bei Ihrem ersten Besuch auf der Erde wird es folglich nicht ausbleiben, dass auch Sie das Ziel eines „amourösen Anbahnungsversuch“ werden könnten. Die Rituale, die wir rund um die Fortpflanzung entwickelt haben, sind genauso spektakulär wie jene, die wir uns rund um das Essen und Töten ausgedacht haben. Das reicht von simplen Zusammenkünften genannt Dates, bis zu dunklen Räumen, in denen wir uns in Leder gehüllt gegenseitig mit Fäkalien ausschmücken. An dieser Stelle ist daher auch ein Wort der Warnung angebracht. Vergessen Sie niemals das Safeword!
Es ist also gut möglich, dass wenn wir Sie bei ihrer ersten Ankunft auf der Erde nicht töten und / oder essen, dass wir versuchen werden, Körperteile von uns in Körperteile von Ihnen zu stecken.
Soziale Interaktion: Mehr Random geht nicht
Ein weiterer sehr wichtiger Punkt ist die Interaktion zwischen Menschen. Wenn wir uns nicht gegenseitig töten, essen oder ganz doll lieb haben, dann reden wir miteinander. Machen Sie sich auf keinen Fall die Mühe die Regeln zu verstehen. Beispiel: Die Frage „Wie geht es dir“ ist keine Anforderung einer Information, sondern nur ein höflicher Versuch, die Interaktion so kurz wie irgend möglich zu halten. Daher legen Sie hier unter keinen Umständen irgendwelche Fakten da, sondern antworten Sie mit „Gut. Und dir?“.
Möchten Sie nicht gestört werden, starren Sie auf ein rechteckiges Gerät das leuchtet. Wir Menschen tun das aktuell sehr häufig, um Informationen aufzunehmen, um lustige Videos zu sehen oder um unter einem dieser Videos mit „Erster!“ zu kommentieren. Diese leuchtenden Geräte nutzen wir übrigens auch, um digitale Abbildungen unserer Fortpflanzungsorgane anzufertigen, um diese anschließend weiter zu versenden.
Es wird Ihnen zudem auffallen, dass wir Menschen uns häufig in großen Betonklötzen treffen, um in noch größere leuchtende Geräte zu starren. Diese Orte heißen Büros und aus irgendeinem unerfindlichen Grund müssen wir dahin, um am Leben bleiben zu können. Dieses Ritual nennt sich Arbeit und wir hassen sie. Aber wir sind vermutlich auch die einzige Spezies im gesamten Weltraum, die Miete auf einem Planeten zahlen muss, den sie besitzt.
Unser Planet. UNSER!
Im Zuge der Evolution haben wir uns zum alleinigen Besitzer des Planeten Erde aufgeschwungen, was wir diesen auch immer wieder spüren lassen. Um uns herum ist ein faszinierendes und äußerst komplexes Ökosystem aus Pflanzen, Tieren, Pilzen und anderen großartigen Dingen entstanden. Wir wissen inzwischen genau darüber Bescheid, was wir davon alles essen können und was besser nicht. Ist das nicht toll?
Allerdings scheint es uns ein wenig langweilig zu sein, einen so schönen Planeten zu besitzen. Daher versuchen wir aktuell ihn zu vernichten. Erinnern Sie sich an die riesigen Echsen aus dem Kapitel „Evolution“? Die wurden in Kohlenstoff verwandelt und nun gießen wir sie in Maschinen, die Dank kleiner Explosionen größere Maschinen antreiben. Das entstandene CO₂ pusten wir in die Atmosphäre. Klingt irre? Das geht noch besser! Dieses für uns in großen Mengen gefährliche CO₂ wird unter anderem von den vielen Urwäldern auf UNSEREM Planeten absorbiert. Daher haben wir uns dazu entschieden, diese Urwälder ebenfalls zu vernichten, um daraus Möbel zu bauen, oder diese einfach zu verbrennen. Bei der Erfindung und dem Ausstoß von Treibhausgasen sind wir übrigens ähnlich sportlich unterwegs wie beim Krieg und bei der Fortpflanzung. Keine Ahnung, was uns das Ökosystem angetan hat, aber wir schicken es gerade nach allen Regeln der Kunst auf die Bretter.
Terminieren Sie ihren Besuch auf der Erde daher so zeitig wie möglich, denn wir haben uns als überraschend effektiv bei der Umgestaltung unseres Planeten erwiesen. Wenn Sie es nicht pünktlich schaffen, packen Sie auf jeden Fall eine Badehose ein.
Die Menschen: Muss man erlebt haben
Ich hoffe sehr, dieser Text schreckt Sie nicht davor zurück, einen Besuch auf der Erde zu wagen. Aus unserer Sicht scheint es doch recht aufregend zu sein, eine solch widersprüchliche Spezies zu beobachten. Es gehen hier auf er Erde ja auch Gerüchte um, dass Sie uns bereits besuchen und heimlich beobachten. Einige unserer wildesten Theorien drehen sich darum, dass Sie Sonden dorthin verbringen, wo sich Verdauungsendprodukte ansammeln. Stimmt das eigentlich? Lassen Sie uns das bei Gelegenheit gerne wissen.
Der obige Text mag sehr dystopisch klingen, aber es steckt auch viel Gutes in uns. Damit meine ich nicht nur andere Tiere in Form von Mahlzeiten und andere, sehr hübsche Menschen in Form von Sexualpartnern. Ich meine damit, dass wir auch zu Gutem fähig sind. Hören Sie sich die Mondscheinsonate an, schauen Sie sich die Bilder von Künstlern der Renaissance an, oder essen sie ein warmes Stück Apfelkuchen mit einer Kugel Eis. Zwischen all den Widersprüchen gibt es auch tolle und schöne Dinge.
Daher hoffe ich, ich konnte Sie neugierig auf einen Besuch auf der Erde machen. Kommen Sie her und erleben Sie den verrücktesten Planeten in unserem Sonnensystem. Hier erleben Sie auf jeden Fall ein paar denkwürdige Momente und wenn sie die Verhaltensregeln beachten, werden sie auch nicht gegessen, getötet oder … bestäubt.
Bitte beachten Sie zudem, dass auf Teilen der Erde eingeschränktes Halteverbot besteht. Landen Sie daher nur auf ausgewiesenen Flächen – vielen Dank.
