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Severance - Büro ist Hölle

Die Serie Severance musste ich zwei Mal schauen um sie lieben zu lernen.

Severance - Büro ist Hölle

Am 18. Februar 2022 startete auf Apple TV+ die Serie Severance, zu Deutsch etwa Abfindung oder Trennung. Da kürzlich die dritte Staffel angekündigt wurde, habe ich mir die ersten zwei veröffentlichten Staffeln noch einmal angeschaut. Dieses Mal hat mich die Serie so gepackt, dass es Zeit für eine Review ist. Und wenn ich schon dabei bin, lege ich in meinem kleinen Blog auch gleich eine neue Kategorie an, um meine zukünftigen Reviews zusammen fassen zu können.

Jetzt geht es aber weiter mit meinen Eindrücken zur Serie Severance. Dazu noch ein Hinweis: Diese Review enthält ein paar kleine Spoiler zur bestimmten Szenen. Ich bespreche aber keine Schlüsselmomente oder Plot Twists.

Stell dir vor, es gibt dich zweimal

Bei Severance handelt es sich um eine Science-Fiction-Serie. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der fiktiven Firma Lumon Industries können sich durch einen operativen Eingriff einen Mikrochip in das Gehirn einpflanzen lassen. Dieser Chip sorgt dafür, dass die Persönlichkeiten für die Arbeit und das Privatleben getrennt werden. Beim Arbeitsantritt wird im Fahrstuhl bei Schichtbeginn und Schichtende die Persönlichkeit umgeschaltet. Der Prozess selbst ist schmerzfrei, wird in der Serie jedoch durch einen entsprechenden Soundeffekt und den Wechsel des Gesichtsausdrucks visualisiert.

Das bedeutet aber auch, dass die Arbeitspersönlichkeit, in der Serie „Innie“ genannt, nur die Arbeit kennt und nichts davon weiß, was das Privat-Ich, in der Serie „Outie“ genannt, so treibt. Andersherum gilt das natürlich genau so. Beide Erlebniswelten werden im Gehirn völlig getrennt und beide Persönlichkeiten wissen nur, dass es sie gibt, teilen aber keine Erinnerungen. Sie können nicht einmal miteinander kommunizieren. Versteckte Nachrichten werden von einem System im Fahrstuhl erkannt und die Strafe folgt auf dem Fuße.

Diese Prämisse ist der rote Faden der Serie und durch eine sehr geschickte Erzählweise fühlt man sich gezwungen, diesem zu folgen.

Labora et labora

Die Firma Lumon Industries gibt sich in den ersten Szenen wie jede beliebige Firma in einem beliebigen Land. Ein trister Glaskoloss mit einem an Belanglosigkeit nicht zu überbietenden Empfangsbereich lassen keinen Schluss darauf zu, was die Firma eigentlich macht.

In der Anfangsszene wird das Tempo und die Erzählweise der Serie gesetzt. Eine Frau liegt auf einem ovalen Holztisch. Vor ihr steht ein kleiner Lautsprecher, aus dem eine Stimme ertönt und die Frau wiederholt auffordert die Frage zu beantworten, wer sie ist. Wir werden Zeuge, wie ein „Innie“ langsam zu sich kommt und lernen muss, wer sie ab jetzt ist. Das ist erzählerisch sehr geschickt, da wir schließlich auch nicht wissen, wer sie ist und was sie in der Firma machen wird. So lernen wir ihren Namen (Helly R., gespielt von Britt Lower) kennen und auch den zukünftigen Einsatzort, einen im Vergleich zu den anderen gezeigten Zimmern recht großen Büroraum mit genau vier Schreibtischen.

Der Arbeitsplatz selbst ist eine biedere Computer-Workstation in einem sterilen Büro. Die Optik scheint eine Symbiose aus Stilelementen der 70er – 90er zu sein. So wirken die Computer steinalt, während die Büroräume mit ihrer schlichten Ausstattung fast an moderne Reinräume erinnern. Zu keiner Zeit wird erklärt, was die Firma macht und was das „höhere Ziel“ der Tätigkeit ist. Alles ist darauf angelegt nicht erahnen zu können, wie alt die Firma wohl ist, was sie macht und warum sie es macht.

Was macht diese Serie nun so spannend? Die verschiedenen Persönlichkeiten (Innies und Outies) sind nicht so zufrieden mit der Trennung der Persönlichkeiten, wie es die Technologie wohl erhoffen lässt. Die „Innies“ fangen an neugierig zu werden, denn nur für diese ergibt der innere Komplex Lumon überhaupt einen Sinn.

Und hier setzt die Geschichte an.

Die Erzählweise

Severance lebt das erzählerische Prinzip: „Show, don’t tell“. Wir erleben den Plot oft aus der Sicht der einzelnen Persönlichkeiten. Wenn Helly R. erwacht, erwachen wir mit ihr. Wenn ein Mitarbeiter durch die endlosen Gänge der Firma mäandert, tun wir das mit ihr zusammen und findet jemand etwas Neues heraus, tun wir dies ebenfalls erst dann.

Für den Zuschauer bleibt von Anfang an vieles unklar. Das fängt mit der eigentlichen Welt an, in der die Serie spielt, bis zum Auftrag der Firma Lumon. Es gelingt auch nicht, dies an der Welt selbst festzumachen. Die Autos der „Outies“ stammen zum Beispiel aus den unterschiedlichsten Jahrzehnten. Man kann sich selbst erschließen, dass die Serie in den USA spielt, aber selbst das muss man sich zusammen reimen. Man bekommt in jeder Folge neue Puzzlestücke serviert. Ob sie zusammenpassen, stellt sich aber erst später heraus, wenn überhaupt. Das Worldbuilding findet hauptsächlich im eigenen Kopf statt.

All das macht die Serie jedoch, ohne einen zu überfordern. Man bekommt also nicht eine Karotte nach der anderen hingehalten. Im Mittelpunkt stehen sowieso die Charaktere der Serie. Davon gibt es nicht viele. In den ersten Folgen lernen wir im Wesentlichen die vier Mitarbeiter des Büros, die Chefin und den Sicherheitschef kennen. Dazu kommen einige wenige Bekanntschaften der „Outies“ unserer Protagonisten. Allesamt toll besetzt und gut gespielt. Diese Serie lebt vor allem von den Beziehungen und Interaktionen der verschiedenen Charaktere untereinander. Durch die tolle Besetzung klappt das prima.

Visualisierung

Werden einmal Ausschnitte der Welt gezeigt, zum Beispiel Totale der Firmenzentrale, dann sind diese oft Bild-symmetrisch. Die Kamera arbeitet viel mit geometrischen Formen. Ein Beispiel: Der Tisch und die darum angeordneten Stühle in der ersten Szene der ersten Folge erinnern an das Logo der Firma Lumen. Der Mensch, in diesem Fall die erwachende Helly, liegt hilflos mitten drin. Sind in den Totalen Menschen zu sehen, dann gehen diese in der Szene fast unter, so als würde es sich um Zahnräder in einem großen Uhrwerk handeln. Sie sind stets Bestandteile von etwas, keine Individuen.

Diese Art der Visualisierung wird durch die Verwendung von entsättigten und kühlen Farben unterstrichen. Überhaupt werden Farben in Severance nur sehr sparsam eingesetzt und sogar als erzählerisches Stilelement verwendet. Das ist mir erst beim zweiten Mal aufgefallen. So spielen die Farben grün, lila und rot besondere Rollen. Welche das sind, muss man sich aber selbst erschließen.

Die Büro- und Arbeitsräume der Firma sind sowohl für die „Innie“, also auch für die „Outie“ Welt (zum Beispiel Empfangsgebäude) sehr spartanisch eingerichtet. Die oben bereits angesprochene Symmetrie ist überall zu sehen und wird nur selten gebrochen. Wenn diese gebrochen wird, dann hat das einen erzählerischen Grund. Der innere Aufbau der Firma entzieht sich unserer Logik. Es gibt zahllose, lange und triste Gänge, obskur wirkende Räume wie den „Pausenraum“ und der Wellnessraum und die zwei gezeigten Abteilungen – Macrodata Refinement (MDR) und Optics and Design (O&D) – wirken wie etwas, das nur für die Firmenangestellten irgendeinen Sinn ergibt. Es gibt in dieser Welt keine Fenster und keine Möglichkeit, mit der Außenwelt zu interagieren. Selbst den Aufsichtsrat der Firma lernen wir nur als Geräusche aus einem Lautsprecher oder als Wortwiedergabe einer Büroassistenz kennen, niemals visuell. Die innere Welt der Firma ist abgekapselt.

Farben, Formen und Kameraperspektiven werden als erzählerisches Element eingesetzt, was mir in dieser Ausprägung so bisher nicht untergekommen ist.

Warum es erst beim zweiten Mal zündete

Als ich die Serie das erste Mal sah, wusste ich nicht, worauf ich mich eingelassen habe. Der Trailer gibt nicht das wieder, was am Ende präsentiert wird. Der ist nämlich etwas „zackiger“ geschnitten und erzählt. Ich hatte mich auf eher leichte Kost eingestellt. Oftmals schaut man ja Serien, um sein Hirn in den Flugmodus zu versetzen, dafür aber ist Severance einfach nicht geeignet. Folglich war ich schon ab der zweiten Folge der ersten Staffel überfordert. Weder hatte ich den Konflikten der Protagonisten viel Aufmerksamkeit geschenkt, noch habe ich mir die Mühe gemacht, dem visuellen Storytelling zu folgen. Daher habe ich den ersten Versuch bei Folge 6 abgebrochen und die Serie erst einmal vergessen.

Erst eine Review vom YouTube-Kanal MovieAmphs über die Serie hat mich dazu veranlasst, den Neustart zu wagen. Dieses Mal habe ich mich voll auf die Serie eingelassen, das Smartphone lag nicht einmal im selben Raum. Dieses Mal funktionierte es, denn ich habe mich bewusst darauf eingestellt, dass die Serie viel zeigt, aber nicht alles erklärt. Vieles bekam auf einmal eine Bedeutung und trug zur Erzählung bei. Ich war es nicht mehr gewohnt, aktiv zu schauen zu müssen.

Mein Fazit

Ich bin ein großer Fan von Science Fiction, egal ob Filme, Serien, Spiele oder Lesestoff. Die Serie hat also einen Nerv bei mir getroffen, wenn auch nicht sofort den Richtigen.

Dabei ist der erzählerische Kern der Serie hochinteressant. Wie wäre es wohll, wenn man keine Erinnerungen mehr an seinen Arbeitsalltag hätte? Der Tag startet und endet in einem Fahrstuhl. Mein Arbeits-Ich kennt im Gegenzug nur die Arbeit und kann nur erahnen, was im Feierabend passiert ist.

Lumon selbst stellt sich als Allegorie und teils fast als Persiflage der heutigen Arbeitswelt dar. Der oft und zu Recht verballhornte Pizzafreitag wird als „Melonen-Party“ zitiert. Besondere Leistungen werden zum Beispiel mit asiatischen Fingerfallen belohnt. Vieles, was hier gezeigt wird, ist eine Überspitzung des Alltags von Menschen, die schon einmal in einer Büroumgebung gearbeitet haben. Das ist auch der Grund, warum mir die Serie im Kopf geblieben ist. Sie ist wie eine Erinnerung an die eignen Erlebnisse.

Die Serie ist keine plumpe Kapitalismuskritik. Die Firma Lumon funktioniert für sich inhärent und konsistent, denn alles gezeigte scheint zum Funktionieren notwendig zu sein, vom Mikrochip bis zu den dargestellten Arbeitsaufträgen. Erst beim Blick von außen, den nur wir Zuschauer bekommen, werden die vielen Widersprüche sichtbar.

Die zweite Staffel hat mir allerdings nicht so gut gefallen, wie die Erste. Hier wurde der Fokus zu sehr auf die Charaktere gelegt und verlief sich ein wenig in erzählerischen Details, bei denen ich gespannt bin, ob diese noch relevant werden. Es wurden für meinen Geschmack zu viele Fäden ausgelegt, was diese Serie nicht nötig hatte.

Die Atmosphäre wird zu einem großen Teil vom durchweg guten Cast getragen. Ich will hier niemanden hervorheben, aber ich habe mich sehr über Christopher Walken und Patricia Arquette gefreut, die die Serie nach oben perfekt abrunden. Den „Outies“ und „Innies“ eigene Charakterzüge zu verleihen gelingt ebenfalls gut.

Severance ist eine Serie mit Anspruch. Wer nebenher am Handy spielt, wird vermutlich nicht glücklich. Wer aber Lust darauf hat, die verschiedenen Puzzlestücke zusammen zu setzen und bereit ist, die Lücken mit der eigenen Fantasie zu füllen, wird hier glücklich. Ich bin froh, dass ich mich doch noch darauf einlassen konnte.

Apple zeigt erneut Mut zur Kreativität und zu unkonventionellen Stoffen. Das wird also nicht die letzte Review zu einer Serie dieses Streaming-Dienstes von mir sein.

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