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Mein Blick auf das Fediverse

Die Dominanz der US Social Networks ist ein großes Problem. Das Fediverse ist aber leider nicht die Lösung.

Mein Blick auf das Fediverse

Die unsozialen Netzwerke

Soziale Netzwerke sind ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft, mit all ihren guten und schlechten Facetten. Unternehmen aus den USA haben aus den Plattformen und der zugrunde liegenden Technologien ein Multimilliardengeschäft gemacht. Dabei wird alles monetarisiert, was sich irgendwie zu Geld machen lässt. Es begann mit Werbung, erweiterte sich aber schnell im Sammeln aller möglichen Daten. Der Mensch wurde zunehmend zur gläsernen Konsumeinheit und Quelle von immer mehr Daten.

Ich will hier heute aber keine Generalabrechnung mit diesem Geschäftsmodell betreiben. Vielmehr war ich schon länger auf der Suche nach geeigneten Alternativen zu den etablierten Diensten. Bei meiner Suche bin ich auf solche gestoßen, war aber immer enttäuscht – und bin es noch.

Die USA geben sich aktuell alle Mühe, Alliierte und Freunde ganzheitlich und allumfassend zu vergraulen. Da werden an einem Tag Kanada und Dänemark bedroht und am nächsten Tag möchte man DNA-Proben von Touristen nehmen. Diese und weitere Kapriolen haben in der Welt, besonders in der EU, zu einer Art Abkehrbewegung von amerikanischen Produkten und Dienstleistungen geführt. Im Internet hat dies zum Beispiel zur „Buy European“ Bewegung geführt. Menschen suchen sich für Produkte und Dienste immer öfter Alternativen aus Europa, oder wenigstens dem Rest der noch einigermaßen vernünftig denkenden Welt.

Nur bei den sozialen Netzwerken hakt es. Die amerikanischen Unternehmen beherrschen diesen Markt zumindest in der westlichen Welt mit einer atemberaubenden Dominanz. Von der technischen Infrastruktur, über die eigentlichen Plattformen, bis zur Auswertung des gigantischen Datenberges – bestehend aus unseren persönlichen Daten – haben die Amerikaner die totale Kontrolle.

Das Fediverse ist angetreten, genau diese Dominanz herauszufordern. Aber in diesem Kampf gegen einen übermächtigen Goliath sieht David aktuell kein Land.

Das Fediverse kurz erklärt

Das Fediverse ist ein Kunstwort, bestehend aus „Federation“ und „Universe“. Es bezeichnet einen Verbund aus jeweils unabhängigen sozialen Netzwerken. Der charmante Gedanke dahinter erwächst aus der Unabhängigkeit von „Big Tech“. Die einzelnen Netzwerke stammen nicht von einem großen Unternehmen, sondern von einzelnen Akteuren. Jeder kann eine Instanz aufsetzen und sich in das „große Ganze“ – also das Universe – einklinken. Zudem wird angestrebt, dass man Logindaten Instanz-übergreifend nutzen kann und die Netzwerke miteinander verknüpft.

Das Fediverse ist dezentral, nicht profitorientiert und lebt von den individuellen Beiträgen der User. Jeder kann mitmachen und sogar sein eigenes Social Network hinzufügen.

Nehmen wir zur Veranschaulichung Mastodon. Es handelt sich um einen Microblogging Dienst nach Art von Twitter. Hinter Mastodon steht eine Non-Profit-Organisation. Die Software ist quelloffen und kann von jedem gehostet werden, dem danach ist. Da es keine zentrale Server-Infrastruktur gibt, verteilt sich der Dienst auf mehrere Instanzen. Zudem wird viel Wert auf Datenschutz und Unabhängigkeit gelegt. Der Inhalt ist das Produkt, nicht der User.

Mastodon ist nur ein Beispiel. Es gibt noch weitere Dienste, die sich an das Fediverse angliedern. Ich habe mir ein paar davon angeschaut.

Wie sieht das Fediverse aus?

Im Folgenden stelle ich vier Dienste jeweils kurz vor. Das Fediverse ist nicht klar abgegrenzt, es gibt noch weitere Social Networks, die mehr oder weniger zu diesem Verbund gehören. Da es bewusst dezentral konzipiert wurde, gibt es auch keine universale Kontrollinstanz, die entscheiden kann, wer nun dazu gehört und wer nicht. Ein bisschen Verwirrung ist folglich „by design“.

Pixelfed

Pixelfed ist ein quelloffener Microblogging-Dienst für Fotos und Videos. Man hat sich Instagram als Vorbild genommen. Ich kann also ein oder mehrere Fotos hochladen, mit einem Rudel Hashtags versehen und mit dem Rest der Welt teilen. Wie es sich für das Fediverse gehört, setzt sich Pixelfed aus mehreren Instanzen zusammen. Es ist jedem möglich, selbst eine davon zu hosten und dem Fediverse hinzuzufügen.

Meine bisherige Erfahrung: Die UI von Pixelfed fühlt sich modern und aufgeräumt an. Ich bekomme dieselben Vibes, wie beim „alten“ Instagram, als es nur um die Fotos ging.

Allerdings ist hier nicht viel los. Jedenfalls längst nicht so viel wie beim großen Vorbild von Meta. Es finden sich also bei weitem nicht so viele Inhalte und Reaktionen (Likes und Kommentare) auf die vorhandenen Posts. Der „Globale Feed“ ist eine interessante Fundgrube, mehr aber auch nicht. Ich nutze Pixelfed aktuell nur sehr sporadisch, eben weil es hier größtenteils ruhig zugeht und mich die Inhalte nicht sonderlich interessieren.

Pixelfed - Post erstellen Pixelfed hat sich Instagram als Vorbild genommen (Screenshot: Markus Daams / 2026)

PeerTube

Bei der Nachfrage nach einer Alternative zu einem US-Dienst rangiert YouTube immer ganz oben. Die von Alphabet (aka Google) betriebene Plattform fiel zuletzt durch gnadenlose Monetarisierung auf und wird in letzter Zeit zudem durch AI Slop überschwemmt.

PeerTube ist angetreten, dieses Monopol herauszufordern. Wie es sich beim Fediverse gehört, setzt es sich durch einzelne Instanzen zusammen, die jeder hosten kann. Die Regeln für zugelassene Inhalte, die auf der jeweiligen Instanz gelten, können individuell festgelegt werden. Wer also beispielsweise ausschließlich Gaming-Content hosten will, kann dies tun.

Um die Serverlast zu reduzieren, setzt man auf die P2P (Peer to Peer) Technik. Das heißt, wer ein Video schaut, teilt dies automatisch mit dem Rest der Welt, lädt es also zu anderen Usern hoch.

Meine bisherige Erfahrung: Auch bei PeerTube ist nicht viel los. Es gibt weder eine gute Auswahl an Content, noch an Reaktionen der kaum vorhandenen Community. Im Bereich Video-Hosting ist YouTube leider unangefochtener Spitzenreiter. Das liegt auch da daran, dass es als erste Plattform mit von Usern erstellten Videos erfolgreich war. Da es eine lange Zeit möglich war, jede Art von Content hochzuladen, ohne sich über Urheberrechte Gedanken machen zu müssen, wuchs YouTube schnell und wurde daher auch ruckzuck von Google aufgekauft. Das Urheberrecht wird im Internet inzwischen mit aller Macht durchgesetzt. Zudem ist das Hosten von solchen Diensten so teuer, dass es sich eigentlich nur die ganz großen Unternehmen leisten können.

Die P2P Technik sorgt jedenfalls dafür, dass ich PeerTube nicht aktiv nutze. Jedes Video kann einem erhebliche rechtliche Probleme einhandeln, jedenfalls in Deutschland. Eine Alternative ist PeerTube für mich daher nicht.

PeerTube - Übersicht über die Instanzen Eine Übersicht der Instanzen von PeerTube (Screenshot: Markus Daams / 2026)

Mastodon

Mastodon ist in den Ring gestiegen, um eine Alternative zu X (ehemals Twitter) anzubieten. Es handelt sich folglich um einen Microblogging-Dienst. Im Gegensatz zu X fehlt auch hier eine zentrale Instanz und ein Unternehmen, dass die Marschrichtung vorgibt. Mastodon ist open source, non-profit und jeder, der mag, kann eine Instanz aufsetzen und dem Fediverse hinzufügen. Wer die Instanz betreibt, gibt auch die Regeln vor, die auf dieser herrschen.

Laut dem Wikipedia Artikel über Mastodon sind seit 2024 ca. 15 Millionen User im Netzwerk registriert. Ob diese aktiv sind, oder nicht, geht aus dem Artikel leider nicht hervor. Bei meinen Streifzügen durch Mastodon habe ich aber festgestellt, dass hier längst nicht so viel los ist, wie bei X. Das liegt wohl auch am Startvorteil der Kopiervorlage, denn Twitter wurde bereits 2006 gegründet und hat seit dem kontinuierlich User aggregiert.

Meine bisherige Erfahrung: Mastodon richtet sich bewusst als Gegenpol zu X aus. Während Twitter / X zwischen den politischen Extremen hin und her gependelt ist, agiert man im Mastodon Netzwerk nach strikten politischen und ethischen Vorgaben. Wer diesen nicht entspricht, fliegt raus. Eine Übersicht verschiedener Server findet sich unter diesem Link. Genau wie auf X haben sich auch auf Mastodon Echokammern und Meinungsblasen entwickelt. Das soll keine Kritik sein, da ich selbst stets auf der Suche nach immerwährender Harmonie bin. Allerdings sind solche Diskurse auch nicht sonderlich interessant. Daher scrollte ich nur gelegentlich durch mastodon.social. Es ist mir schlicht zu langweilig.

Das liegt aber auch da dran, dass ich Microblogs generell nicht mehr so toll finde, wie früher. Twitter wurde ursprünglich gegründet, um kleine Mini-Blog-Einträge günstig per SMS zu erstellen. So konnten viele Menschen da dran teilnehmen, auch aus Regionen, in denen Internet teuer war. Die Idee dahinter ist großartig, aber dem allgemeinen Diskurs hat das nicht gutgetan. Viele Inhalte und Anliegen lassen sich nicht in ein paar dutzend Worte zusammenfassen, ohne die notwendige Komplexität mancher Themen zu atomisieren. Wenn wir uns gegenseitig ein paar Einzeiler um die Ohren hauen, geht es nicht mehr um den Inhalt, es geht nur noch ums recht haben.

Mastodon - About Ohne Mission geht in der Welt von heute gar nichts mehr (Screenshot: Markus Daams / 2026)

Lemmy

Mein letztes Beispiel hört auf den Namen Lemmy. Es wurde als Alternative zu Reddit erdacht. Falls jemand Reddit noch nicht kennt: Es ist eine Diskussionsplattform mit Social-Media-Funktionen. Im Prinzip ist es eine Fortentwicklung der klassischen Internetforen. Es lassen sich Communitys für jedes noch so ausgefallene Thema erstellen, User können beitreten, Posts erstellen und fleißig mitdiskutieren. Ich nutze Reddit besonders für Tech-Themen und andere Interessen, denen ich nachgehe. Ich lese aber auch Nachrichten aus aller Welt und stöbere gerne durch die vielen Subreddits. Es gibt hier viel zu entdecken und nichts, was es nicht gibt. Auch wenn Reddit in Deutschland nicht so groß ist, wie andere Netzwerke, gibt es hier auch viel deutschen Content.

Da Reddit aber zunehmend durch die neue amerikanische Tradition der Turbomonetarisierung aufgefallen ist, waren und sind immer mehr User auf der Suche nach einer Alternative. Eine davon ist Lemmy. Dem Fediverse Gedanken treu, gibt es kein Unternehmen, das alles steuert. Die Instanzen werden von jedem gehostet, der mitmachen will. Es gibt hier also nicht nur „ein“ Lemmy, sondern viele. Auch hier gilt, wer die Instanz erstellt, gibt die Regeln vor, die darauf gelten.

Meine bisherige Erfahrung: An Reddit führt für mich aktuell nichts vorbei, leider. Ich habe mich auf diversen Lemmy-Instanzen umgesehen und festgestellt, dass hier nicht viel los ist. Es wird versucht, besonders aktive Communitys von Reddit nachzubilden, das gelingt aber mehr schlecht als recht. Zudem wirkt die UI ein bis zwei Generationen hinter der von Reddit. Lemmy wirkt auf mich aktuell noch wie „wirklich doll gewollt, aber nicht gut umgesetzt“. Auch leidet es am selben Echokammer- und Meinungsblasensyndrom wie Mastodon.

Lemmy Post Übersicht Lemmy ist mir aktuell viel zu langweilig (Screenshot: Markus Daams / 2026)

Mein Fazit

Ich mache gern bei der „Buy European“ Initiative mit. Ich hoste viele Dienste selbt, um mich so weit, wie irgend möglich, von US-Diensten abzukoppeln. Zu einem großen Teil gelingt mir das auch, wie man diesem Blog auch entnehmen kann. Bei den Social Networks ist dies aber leider nicht ganz so einfach. Die Platzhirsche wie X, YouTube, Reddit und Co sind viel zu groß und mächtig geworden. Wie bereits erwähnt, bieten sie ja nicht nur die Plattformen an, sondern haben auch ein Quasimonopol auf die Software und Infrastruktur. Die Amis haben hier ganze Arbeit geleistet.

Mir ist aber auch klar, dass es auf jeden Einzelnen ankommt, wenn es darum geht, echte Alternativen zu schaffen. Ich müsste mich also auf Pixelfed und Lemmy mehr engagieren und selbst der Wechsel sein, den ich in der Welt sehen will. Dazu fehlt mir aktuell aber der Antrieb. Ich finde die Motivation hinter den Projekten richtig gut und die Ideen spiegeln stets ein Internet wider, das gut ist, weil es frei und unabhängig ist.

Leider übernehmen viele Alternativen aber auch einige Dinge, an denen die „großen“ Dienste kranken. Unter anderem sind das die Bildung von Echo- und Meinungskammern. Die Schaffung von separaten Blasen im Internet hat Vor- und Nachteile. Für mich überwiegen die Nachteile. Der Sache um einen offenen, transparenten und durch Meinungsvielfalt geprägten Diskurs ist nicht geholfen, wenn sich jeder in die eigene Wohlfühlblase zurückzieht. Das ist aber ein Thema für einen anderen Artikel.

Ich schaue immer einmal wieder in das Fediverse rein und werde es weiterhin interessiert verfolgen. Ich mag zwar hinsichtlich der Weiterentwicklung vor allem der Userbase nicht sonderlich optimistisch sein, wünsche dem Ganzen trotzdem eine positive Entwicklung.

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