AI Content ist gekommen um zu bleiben
Genug von AI Slop und Vibe Coding? Tja! Es wird noch mehr und geht nicht mehr weg.
„Hast du das mit Vibe Coding erstellt?“
Wenn ich mich durch die Self Hosting Communitys im Internet scrolle, stoße ich früher oder später auf einen Kommentar, der die titelgebende Frage stellt. Wer aktuell sein neues Projekt der IT-Welt vorstellt, wird sich zunächst einmal erklären müssen, welche Bestandteile der Code Basis aus einem KI-Chat stammen. Sinn und Zweck des vorgestellten Projektes treten bei diesen Diskussionen dann stets in den Hintergrund. Es ist im Prinzip eine Abwandlung von „Goodwins Law“, nur ist Hitler hier ein KI-Chat.
Wir sind also wieder einmal an einem Punkt in unserer Diskussionskultur angelangt, an dem Absolutismus handlungsweisend ist. Muss das sein?
Wer ohne Sünde ist …
Ich habe Vibe Coding im Selbsttest ausprobiert. In einer kleinen Artikel Serie habe ich die Herausforderungen und Ergebnisse vorgestellt. Um es einmal kurz zusammenzufassen: Ursprünglich hatte ich ein kleines Projekt gestartet, um mein Wissen rund um die Programmiersprache Rust zu vertiefen. Daraus wurde ein veritables Social Network, vor allem auch Dank Vibe Coding. Ich habe hierfür verschiedene Anbieter genutzt, vor ChatGPT, über Gemini, bis Anthropic und Mistral. Alle durften mal ran. Das Social Network läuft bei mir lokal und dient als Spielwiese für Bots, quasi als Labortest und Spaßwiese.
Bei der Entwicklung bin ich auf einige Hürden gestoßen. Immer wieder musste ich veralteten Code ausbessern oder endete mit völlig unbrauchbaren Ergebnissen. Trotzdem hatte ich irgendwann mein Ziel erreicht und seitdem läuft es. Allerdings würde ich im Traum nicht daran denken, mein kleines Social Network auf die Welt loszulassen. Denn weder habe ich mich ausreichend gut um die Sicherheit gekümmert, noch taugt die Dokumentation etwas, die mir, ich glaube Gemini, erstellt hat. Es war ein Experiment, mehr nicht. Ich habe meine ersten Erfahrungen mit Vibe Coding gemacht und sehe das Potenzial. Es hat mir ein paar Nerven geraubt, aber auch Spaß gemacht.
Der Code in dem von Gemini generierten Bild ist absolut sinnbildlich (Gemini Nano Banana 2 / 2026)
Vibe Codet Projekte werden mehr …
Und anscheinend bin ich nicht alleine damit. Denn in der Tat scheinen immer mehr Projekte auf die Hilfe von AI-Chats zu setzen. Scrolle ich mich durch eine Community wie „/r/selfhostet“ auf Reddit, stelle ich fest, dass viele neue Projekte wie Pilze aus dem Boden schießen. Da ist wirklich alles dabei, was man sich vorstellen kann. Von der E-Book-Verwaltung, über einen brandneue und revolutionäre Möglichkeit, die eigenen Finanzen zu organisieren, bis zur neuen „all-inclusive“ Lösung zur Überwachung der eigenen Selfhosting-Infrastruktur. Musste ich früher gezielt und länger nach einer bestimmten Lösung für ein Projekt suchen, springen mir diese nun praktisch ins Gesicht. Klingt doch erst einmal toll, oder?
… und so auch die Meta Diskussionen
Besagte Communitys füllen sich aber zunehmend auch mit ablehnenden Kommentaren und Meta Diskussionen. Die vielen Projekte, die Code Basis und die Transparenz hinsichtlich der Nutzung von AI stoßen auf Ablehnung. Die angeführten Argumente und Diskussionen teile ich einmal grob in diese Kategorien auf:
- Intransparenz: Die Nutzung von AI wird gar nicht erst erwähnt
- Schlechte oder fehlende Dokumentation: AI soll in irgendeiner
*.mddokumentiert werden - Schlechter Code: Die AI hat schlechten Code geschrieben
- Generalisierung: AI ist entweder gut oder böse
Wie es sich für das Internet gehört, geht es emotional zu und endet gerne mal in heftigem Streit. Wie schon einmal erwähnt, gehen Sinn und Zweck der vorgestellten Projekte im Rauschen dieser Auseinandersetzungen unter.
Oben drauf kommt der AI Slop
Zu all den neuen Projekten und Diskussionen, die sich auf Github und Co finden lassen, gesellt sich noch der inzwischen omnipräsente „AI Slop“ (Link zum Wikipedia Artikel). Dieser findet sich inzwischen überall. Auf YouTube und TikTok-Videos, Instagram, Facebook und selbst auf den seriösesten Nachrichtenseiten gibt es Inhalte aus der AI-Konserve. Der von einer AI generierte Content ist nicht mehr nur eine Randerscheinung, er ersetzt zunehmend den User-generierten Inhalt.
Viele Menschen sind genervt von diesen Inhalten. Schlimmer noch, sie können nicht einmal mehr erkennen, ob es sich um echte Inhalte handelt, oder um AI Slop. Mag dies bei Fahrrad fahrenden Katzen noch witzig sein, wird es bei gefälschten Nachrichten durchaus ernst. Der notwendige Diskurs um dieses Thema nimmt an Fahrt auf und wird auf allen Ebenen geführt.
Zur Wahrheit gehört, dass es schon immer schlechten und billigen Content gegeben hat. Neu ist nur die Dimension, mit der das passiert. Statt „MS Paint“ anzuwerfen, oder Photoshop zu bemühen, reicht heute ein passiv-aggressiver Prompt, um die Welt um einen neuen Gedankenschluckauf zu beglücken. Die Schwelle, neue Inhalte zu erstellen, ist durch die neuen technischen Möglichkeiten deutlich tiefer gesunken. Die Antwort auf die Frage, ob das gut oder schlecht ist, ist genauso komplex, wie die zugrunde liegende Technik.
Ist alles so schlimm-di-dimm?
Wir stehen hier vor einer Gemengelage, die sich aus den folgenden Zutaten zusammensetzt: Eine Flut an schlechten Inhalten (AI Slop) und neuen Zukunftsängsten, die mit solchen technischen Neuerungen einhergehen. Das ist völlig normal, denn das ist menschlich.
Ein genauerer Blick lohnt sich trotzdem. Ich probiere immer mal wieder ein paar von den Projekten aus, die auf Reddit und Co in Grund und Boden gevotet werden, weil sie im Verdacht stehen, gemeinsame Sache mit der AI gemacht zu haben. Ich habe da einige Perlen entdecken dürfen, darunter beispielsweise ein praktisches Tool um all meine Scrobbles von LastFM zu importieren und zu visualisieren. Das hatte ich bis zuletzt mit einer Excel-Tabelle gemacht.
Für mich ergibt sich hier folgendes Bild: Einfache Tools, die sehr wahrscheinlich mit KI-Code erstellt oder wenigstens angereichert wurden, haben eine durchaus annehmbare Qualität. Es kommt sehr auf den Einsatzzweck an. Einfache Apps für das Heimnetzwerk traue ich eher über den Weg, als eine Sicherheitssoftware, die in einer Vibe Coding Session erstellt wurde. Das kann sich aber zukünftig ändern, denn der Fortschritt bei diesem Thema bleibt nicht stehen. Der neue Airbus wird aber so schnell nicht mit Code aus Mistral abheben. Hoffe ich jedenfalls.
Es wird ja auch besser
Dieses Thema verdient ein wenig mehr Ehrlichkeit und eine mutige Aussage meinerseits:
Die Inhalte werden langsam besser.
Die Quelle der Ruhe sind wir. KI Bilder werden immer besser, finde ich (Gemini Nano Banana 2 / 2026)
Bilder: AI generierte Bilder erkennen die meisten von uns auf den ersten Blick. Die Entwicklung der Bildgeneratoren macht aktuell aber große Fortschritte, sodass es selbst technikaffinen Menschen zunehmend schwerfällt, diese Unterscheidung zu machen. Das ist im Hinblick auf die zurecht gefürchteten „Fakenews“ auf alle Fälle ein Problem, das nach einer Lösung schreit. Die technische Entwicklung ist aber beeindruckend. Die AI verleiht der menschlichen Fantasie regelrecht Flügel. Ich brauche keine Spiegelreflexkamera und ein Ticket ins tibetanische Hochland mehr, um beeindruckende Motive zu erstellen.
Musik: Ich höre sehr viel und total gerne Musik. Auch dieses Hobby blieb von den technischen Entwicklungen rund um die AI nicht verschont. Na klar, auch in diesem Fall werden Anbieter wie Spotify, Deezer, YouTube Music usw. von AI Content regelrecht überflutet. Diese Art der Musik erkennt man sofort an immer denselben Beats und immer denselben Stimmen.
Eines meiner Lieblings-Genres wird grob unter „Electro“ zusammen gefasst. Es gibt zahllose Subgenres wie Techno, Dance, Trance und viele mehr. Eines der Subsubgenres ist „Female Vocal Trance“ – mag ich total und das seit Ende der 90er Jahre. Zumindest in diesem Fall ist die AI generierte Musik in den letzten Monaten deutlich besser geworden. Die Beats sind nicht mehr monoton, die Stimmen bekommen mehr Farbe und Lebendigkeit. Mag es mir auch schwerfallen, aber da sind tatsächlich richtige Perlen dabei. Für ein sowieso sehr technisches und Computer-lastiges Genre bietet sich die AI geradezu an. Ich ahne schon, dass wir in einiger Zeit neue Werke von AI Brahms zu hören bekommen werden.
Software / Apps / Tools: Wie oben bereits ausgeführt, werden viele neue vorgestellte Projekte in den digitalen Orkus gevotet und diskutiert. Viel zu oft erfolgt das aber reflexhaft und getrieben durch eine generelle Ablehnung von solchen Inhalten. Zu Unrecht, wie ich finde. Ich bin sicherlich kein Profi, was alles Programmiersprachen angeht, aber für Python, JavaScript und einigen anderen Sprachen erlaube ich mir dennoch ein Urteil: Der Code wird besser. Nicht immer, nicht überall, aber eine Tendenz lässt sich erkennen. Sicher, ich bin im Land der anekdotischen Evidenz unterwegs. Aber ein Blick in die Codes lohnt sich und ist bei Anbietern wie Github & Friends kein großer Akt.
Die AI erstellt immer mehr Code und die Qualität nimmt zu. Diese Entwicklung sägt an so manchem Developer-Stuhl, daher sind die Beweggründe der teils generellen Ablehnung verständlich. Aber auch hier lasse ich mich zu der These hinreißen, dass dieser Zug weiter fährt und erst einmal nicht mehr anhalten wird. Die Software Repos dieser Welt werden mit einem großen Schwung neuer Projekte fertig werden müssen. Wie nachhaltig diese dann sind, ist eine völlig neue Diskussion.
Viel mehr Menschen können nun Projekte und Content erstellen
Die oben aufgeführten Punkte lassen mich einen neuen Trend erkennen, der positive und negative Seiteneffekte mit sich bringt. Immer mehr Menschen werden neue Inhalte erstellen können, die dies vorher nicht konnten. Ich muss kein Photoshop Spezialist sein, um ein cooles Bild zu erstellen, dass mir durch den Kopf rauscht. Ich kann mir nun die Traum-Musik-Tracks erstellen, die ich mir immer gewünscht habe. Und ich kann Software Lösungen entwickeln, die ich brauche, ohne zu tief in die Materie abtauchen zu müssen.
Jedem Menschen wohnt immer auch eine erschaffende Kraft inne. Da kommen oft schreckenerregende Dinge bei raus, wie Rosinen in Käsekuchen oder Atombomben. Aber auch schöne Dinge wie Musik, Kunstwerke und MS Paint. Sinken die technischen Anforderungen, haben mehr Menschen die Möglichkeit, sich neu oder anders auszudrücken und auszuleben, als es bisher der Fall war.
AI ist da um zu bleiben
Die Auseinandersetzungen rund um die Nutzung von AI sind notwendig und werden uns für die nächste Zeit erhalten bleiben. Diese sind auch wichtig, denn die neue Technologie hat einen entscheidenden Einfluss auf unsere Entwicklung und sogar auf unsere Wahrnehmung der Realität.
Das Thema ist viel zu komplex und vielschichtig, um sie in so einem Blog-Artikel zu behandeln. Ich habe Aspekte wie den Einfluss von AI auf die Umwelt und die Wirtschaftskreisläufe noch nicht einmal angeschnitten. Eine wichtige Erkenntnis lässt sich aber bereits für mich ableiten: Die AI und all das, was mit diesem Themenkomplex einhergeht, wird ein zunehmend wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Es wird genauso wenig wieder verschwinden wie das Auto, der Computer oder Katzenbilder.
Daher sind zwei Dinge meiner Meinung nach wünschenswert:
Anstatt neue Inhalte reflexhaft abzulehnen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen oder hinzuhören. Das weiter oben aufgeführte Beispiel mit der AI generierten Musik meine ich ernst: Ich höre das entsprechende Album rauf und runter. AI Slop ist real und nervt, keine Frage. Als Gegenbewegung sollten wir den Content, der gut geraten ist, um so mehr pushen.
Eine kritische Betrachtung des Themas AI ist dringend geboten. Mein frommer und naiver Wunsch ist aber, dass es sachlich bleibt. Viele Communitys haben bereits ein sättigendes Maß an Toxizität erreicht. Ein dahin geschriebenes „OMG that looks so vibe coded!!!“ fügt dem Diskurs nichts hinzu. Lasst im Zweifel doch einfach eine AI über den Code drüberschauen? (insert trollface)
Mein Fazit
Dieser Text spukte mir schon länger im Kopf herum. Ich hatte mir bereits vor längerer Zeit vorgenommen, ein endgültiges Fazit zu meinem eigenen Vibe Coding Projekt zu schreiben. Die Gedanken dazu haben sich aber nie in einen entsprechenden Text manifestiert. Ein Grund hierfür ist, dass ich niemals zu einem richtigen Urteil gekommen bin. Für mich ist bei dieser Entwicklung vieles im Fluss. Ich lese jeden Tag über neue Entwicklungen zum Thema AI, sehe ständig neuen Content und probiere selbst viel aus. Statt also ein Fazit zu ziehen, wollte ich innehalten und reflektieren.
Die AI ist da, was nun? Kopf anschalten und das Beste draus machen. Wir sind mal wieder in einer neuen Welt aufgewacht und werden auch diese neuen Herausforderungen bewältigen.
Mit KolourPaint erstellt. Ich tauge nichts als AI (Markus Daams / CCO / 2026)
